Neubau des Begegnungszentrums mit Kita und Inklusionsbetrieb

Neubau des Begegnungszentrums mit Kita und Inklusionsbetrieb


# Aktuelles aus der Gemeinde
Veröffentlicht am Mittwoch, 12. Juni 2019, 06:34 Uhr
Ein außergewöhnliches Gebäude allein ist noch kein Begegnungszentrum Das Herz des neuen Gebäudeensembles wird das Begegnungszentrum werden. Dazu schreibt Petra Sperling, die Geschäftsführerin des Gemeinwesenvereines Heerstraße Nord e.V.:

„Der Gemeinwesenverein Heerstraße Nord e.V. baut in einer Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde zu Staaken ein Begegnungszentrum mit einem Stadtteilzentrum auf.

Der Name unseres Vereins spiegelt die Prinzipien unserer Arbeit: Wir wirken auf der Basis gesellschaftlicher Grundprinzipien der Demokratie im Gemeinwesen. Wir beziehen uns auf die Verhältnisse und Vorgänge im Stadtteil; wir fördern ressourcenorientiert bürgerschaftliches Engagement über Mitgestaltung durch die Bürger und Bürgerinnen vor Ort. 

Die prozessorientierten und interdisziplinären Arbeitsprozesse im Gebiet organisieren wir, indem wir Lern- und Handlungsprozesse in Gang setzen, welche die Bewohner*innen unterstützen, ihre Probleme in gesellschaftlichen Zusammenhängen zu erkennen und zu artikulieren. Wir stärken Bürger*innen in ihrer Selbstorganisation, um an der Verbesserung der Lebenssituation in ihrem Lebensumfeld aktiv mitzuwirken.

Wir organisieren Dialogforen, Vernetzung und Kooperationen im Sozialraum. Wie sehen unsere Rolle als Bindeglied zwischen den hier lebenden Menschen und den Akteuren im Stadtteil, den staatlichen Entscheidungsträgern der Verwaltung und Infrastrukturausstattung, sowie der Stadtentwicklung insgesamt.

Auf dem Hintergrund eines humanistischen Weltbildes wollen wir gemeinsam mit den hier lebenden Menschen sozialpolitische Teilhabe im Sozialraum wahrnehmen, um nachhaltig eine Verbesserung der Lebensverhältnisse/des Lebensumfeldes zu erreichen. Im Vordergrund unserer Arbeit steht die religionsübergreifende, kulturübergreifende und milieuübergreifende Bürgerbeteiligung um integrativ alle gesellschaftlichen Perspektiven im Lebensraum einzubeziehen.

Es ist uns wichtig, lebendige Nachbarschaften zu befördern und Identifizierung mit dem Sozialraum zu begünstigen. Dies bedeutet für die Gemeinwesenarbeit auch, mitunter als Sprachrohr für Minderheiten in den Vordergrund zu treten. Der Ausbau demokratischer Beteiligungsstrukturen und die Förderung einer aktiven Zivilgesellschaft steht dabei stets im Vordergrund unseres Wirkens.

Gemeinsam erweiterten wir von Beginn unserer Zusammenarbeit in den 70iger Jahren die Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten, von der angebotsorientierten Arbeit hin zu Konzepten der Gestaltung von Lebensräumen im Sinne der Menschen. Diese Perspektive sieht die Zielgruppen eingebettet in soziale Beziehungen, Institutionen, Wohnumfeld und Arbeitswelt.

Kooperativ möchten wir diese Arbeit zukunftsorientiert weiter gestalten durch das hier beschriebene Vorhaben und uns auch besonderen Anforderungen wie Klima, Umwelt, Digitalisierung stellen.“


Von der Notwendigkeit für die Evangelische Kirchengemeinde zu Staaken, ihre gemeindliche Arbeit auch zukünftig im Rahmen des Gemeinwesens zu begreifen und gestalten.  

Global denken, lokal und konkret situationsbezogen handeln

oder:

Die Ganzheitlichkeit christlichen Lebens
Allerspätestens seit dem 6. Jahrhundert vor Christus ist die biblische Überlieferung dem in der Zwischenüberschrift genannten Prinzip verpflichtet. In der babylonischen Gefangenschaft waren die damaligen jüdischen Theologen gezwungen, sich über die Beziehung ihres Gottes zu der ihnen so fremden babylonischen Kultur und ihres Götter-Pantheons klarzuwerden. Und sie schrieben ihren Schöpfungsbericht, mit dem unsere Bibel beginnt: „ Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“ als ihr Glaubensbekenntnis. Zur gleichen Zeit schickte der Prophet Jeremia einen Brief aus Jerusalem nach Babylon an die dorthin Exilierten um sie in ihrer Fremde zu ermutigen und zu bestärken. „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen und betet für sie zum Herrn, denn wenn es ihr wohlergeht, so geht es euch auch wohl.“ (Jeremia 29, 7) Seit damals können Juden und seit der Zeitenwende auch Christen nur dieses tun: Global denken und lokal handeln, nämlich an ihren Orten und in ihren Gemeinden, in Synagogen und Kirchen. (Ähnlich gilt dieses für die später entstandenen muslimischen Gemeinden mit ihren Moscheen.)

Das lokale Handeln für Juden, Christen und Muslime ist jeweils ganzheitlich bestimmt, insofern es durch leibhaftige Menschen geschieht. Der Prophet Jeremia spricht in seinem Brief von leibhaftigen Familiengründungen, Hausbauten und Gartenpflanzungen. Das lokale Handeln verändert sich im Lauf der Geschichte, entsprechend der Veränderung der Lebensverhältnisse.

Auch wenn es im Christentum immer wieder starke sogenannte „leibfeindliche“ Tendenzen gegeben hat, ist es doch bemerkenswert, dass der Apostel Paulus in einem seinerzeitigen Gemeindestreit in der Stadt Korinth programmatisch und leidenschaftlich die christliche Gemeinde eben mit einem Leib vergleicht, von dessen Konstitution durch so grundsätzlich unterschiedliche und gegenseitig nicht verzichtbare Organe, Glieder und Sinne sich die Gemeinde gerade in ihrem geistlichen Wachstum doch leiten lassen möge.

Die Glaubensgeschichte von Christen, Juden und Muslimen ist auf je eigene Weise wesentlich durch ihre jeweiligen Lebensumstände und ihre Gemeinwesen beeinflusst worden.

Für die Kirche erkennen wir das an den unterschiedlichen Sprachen der orthodoxen Liturgien (z.B. armenisch, griechisch, russisch) , den unterschiedlichen Gestaltungsformen der katholischen Kirche in Stadt und Land (Gründung der Bettelorden Dominikaner und Franziskaner in den mittelalterlichen Städten Europas) sowie des reformatorischen Durchbruchs im mittelalterlichen Europa mit dem Weg in die Neuzeit.

(Inzwischen sind die verschiedenen Konfessionen im Christentum ihrerseits vielleicht wieder mit Hilfe der ausdifferenzierten Verfasstheit des menschlichen Körpers zu begreifen und, wie der Apostel im 13. Kapitel seines 1. Briefes an die Korinther fortfährt, in Liebe zu gestalten: „Nun aber bleiben Glauben, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“)

(evangelische) Gemeinde und Gemeinwesen in Staaken

Im Jahre 1308 wird für Staaken der erste „leutpriester“ Johann de Morzan erwähnt, von dem weiter (noch?) nichts bekannt ist. Eine erste Kirche wird gebaut, vielleicht schon am Standort der jetzigen Dorfkirche, welche dann, zunächst noch ohne Turm, im 15. Jahrhundert erbaut wurde.

Das 20. Jahrhundert brachte auch für das Dorf Staaken die Verstädterung und ihre so ganz anders gearteten Herausforderungen auch für das kirchliche Leben mit sich.

Im Jahre 1937 beantragte der damalige Pfarrer Johannes Theile wegen der Neubebauung südlich der Lehrter Bahn beim Landesverband der Diakonie die Entsendung eines „Siedlungsdiakons“ nach Staaken, weil nun „neue Wege“ in der Gemeindearbeit zu beschreiten seien und er ließ das August-Hermann-Francke Heim im heutigen Cosmarweg errichten, welches am Ostermontag 1938 eingeweiht wurde.

Schon damals wurde die Herausforderung dieses neuen gemeindlichen Ansatzes sichtbar. In der damaligen nationalsozialistischen Zeit kam es zum heftigen Zerwürfnis zwischen dem Siedlungsdiakon Heinz Otto Drephal und dem sich dem entschiedenem Flügel der Bekennenden Kirche zugehörig fühlenden Pfarrer Johannes Theile, so dass sich die Wege der beiden trennen mussten.

Die weitergehende Verstädterung Staakens wird dann wieder genannt in einem bemerkenswerten Beitrag von Pfarrer Vogt zur Einweihung (!) der Zuversichtskirche am 29. Mai 1966. Er schrieb damals, im Zuge der Verstädterung (nämlich des erfolgten Baus der Luise-Schröder-Siedlung um den Brunsbütteler Damm und sicher auch schon die Planungen der zukünftigen südlicheren Großsiedlung Heerstraße-Nord im Blick ) sei die Kirche zu „äußerster Flexibilität“ verpflichtet und dürfe sich selber dabei „nicht im Wege stehen“. (!) Jetzt, 2019, betrachte ich diese Sätze aus dem Jahre 1966 als kostbares Geschenk für unsere zukünftigen Planungen nicht nur, aber auch das Begegnungszentrum Zuversicht betreffend.

21 Jahre nach Kriegsende, im Herbst 1966, eröffnete Ernst Lange der bekenntnisgebundenen evangelischen Kirche einen neuen Zugang zur Gemeinwesenarbeit, indem er die Entstehung und synodale Beschlussfassung der Theologischen Erklärung von Barmen im Mai 1934 als damaliges „konkret situationsbezogenes Handeln“ erkannte und dieses als Kriterium für „wahre Kirchlichkeit“ definierte. Dieses Kriterium ist biblisch begründet, nichts anderes nämlich taten die eingangs erwähnten Autoren des biblischen Schöpfungsberichtes und nichts anderes empfahl der Prophet Jeremia den Adressaten seines Briefes. (s.o.)

„Gemeindeaufbau in Neubaugebieten“ war dann ab 1966 programmatisches Thema auch in Spandau für die geplante und entstehende Groß-Siedlung Heerstraße-Nord und zu Beginn der 70er Jahre wurde die organisatorische und verpflichtende Zusammenarbeit mit dem damaligen Nachbarschaftsheim Charlottenburg mit dessen Umzug in den Pillnitzer Weg und seiner Umbenennung in Gemeinwesenverein Heerstraße-Nord auf neue und (rechts)verbindliche Grundlagen gestellt, welche dann auch zum Bau des Gemeinwesenzentrums in der Obstallee führten.  

Auch mit den damaligen Überlegungen haben die Gemeindegründer der Gemeinde Heerstraße-Nord selbstverständlich und erklärtermaßen lokal gehandelt und sich dabei auf die Humanität, die Menschlichkeit Jesu berufen und auf diese Weise die Universalität des christlichen Glaubens ausgedrückt. Ihr biblischer Leitspruch war der eingangs genannte Vers Jeremia 29, Vers 7: „ Suchet der Stadt Bestes ….und betet für sie zum Herrn, denn wenn es ihr wohl geht, wird es euch auch wohlergehen.“ Und so kommen wir im Nachdenken über das lokale Staaken und seine damaligen Gemeinde(n) wieder auf die historischen biblischen Grundlage des globalen Denkens und lokalen, ganzheitlichen (!) (bzw. „konkret situationsbezogenem“) Handelns (s.o.) und an ihr auch in Zukunft nicht mehr vorbei, sowenig wir als evangelische Kirchengemeinde an unseren biblischen Grundlagen vorbeikommen können, ohne uns selbst zu verlieren bzw. aufzugeben.  

Seit nunmehr 82 Jahren hat sich die Evangelische Kirchengemeinde zu Staaken über alle geschichtlichen Brüche hinweg als eine Werkstatt für Fragen evangelischer Kirchlichkeit im Gemeinwesen erwiesen und als verantwortliche Gemeindeleitung müssen wir uns auch in Zukunft diesen Fragen in aller Offenheit für Neues stellen.

Cord Hasselblatt, 25. März 2019


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